Taschachhaus (2434m) – Petersenspitze (3484m)

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Grenzerfahrungen meistern

Nach unserem Übungstag sitzen wir abends zusammen und überlegen lange, ob wir uns die Besteigung der Petersenspitze zutrauen sollen. Sie gilt als leichte Nordflanke. Nichts desto trotz ist so eine Nordwand eben doch etwas anderes, als eine leichte Sommerwanderung - leicht hin oder her.

Die Verhältnisse sind okay. Wetter und Sicht versprechen gut zu werden. Dennoch müssen wir überlegen, ob unsere Fitness für die Tour ausreicht und mit welchen Schwierigkeiten wir außerdem während der Tour konfrontiert werden könnten, denn ein Exit ist während der Tour kaum möglich. Um uns vorzubereiten und unsere Entscheidung besser fällen zu können, fragen wir außerdem unseren Hüttenwirt um Rat. Und siehe da: Er hat erst vor wenigen Tagen Hubschrauberaufnahmen vom Gletscher gemacht. Es gäbe zur Zeit gerade einen - möglicherweise zwei - sichere Wege durch das Spaltenlabyrinth unterhalb der Nordflanke. Er zeigt sie uns und wir nehmen uns ein Foto mit.
Wir beschließen, unser Glück zu versuchen. Am nächsten Morgen brechen wir vor Sonnenaufgang mit Stirnlampen auf, denn aufgrund der tageszeitlichen Erwärmung sollte diese Tour möglichst früh am Tag begangen werden. Später kann es zu Gletscherschmelze und Steinschlag kommen.

Anfangs folgen wir noch den Massen, die es zur Wildspitze zieht, zum Taschachferner hinunter und ein Stück auf der Seitenmoräne des Gletscher bergauf. Auf steinigem Gelände klettern wir bis zu einem ungesicherten Steig, der auf das Gamsköpfl führt. Rechts des Gamsköpfls liegt eine etwa 30-35° steile Rinne. Ist diese noch mit Schnee gefüllt, kann man sie mit Steigeisen aufsteigen, um auf den balkonartigen Gletscher der Taschachwand zu gelangen. Wir müssen über den Felssteig gehen und seitlich auf den Gletscher gelangen. Nach einem ersten steilen Anstieg erreichen wir flacheres, von vielen Spalten durchzogenes Gelände. Nun gilt es, den Weg durch das Spaltenlabyrinth zu finden, den der Hüttenwirt uns am Vortag gezeigt hatte.

Steiler Gletscheranstieg und Spaltenlabyrinth
Und nun beginnt die eigentliche Herausforderung: Wir beschließen anzuseilen und in einer Seilschaft über den beinahe aperen Gletscher aufzusteigen. Im Nachhinein war dies wahrscheinlich eine Fehlentscheidung. Auf dem 35 Grad steilen Gletscher wäre das Risiko, in der Seilschaft zu stürzen und die Kameraden mitzureißen, größer gewesen, als ein Spaltensturz, das wird uns schon während des Anstiegs klar. Nur eine gute Woche später kommt am Gabler im Salzburger Land durch eine solche Fehlentscheidung eine Fünfer- Seilschaft ums Leben, aber man lernt nie aus.
Glücklicherweise kommen wir wohlbehalten über das Steilstück und erreichen besagtes Spaltenlabyrinth, das uns der Hüttenwirt am Vortag beschrieben hat. Mit Hilfe seiner Luftaufnahmen finden wir mit einiger Mühe die beschriebene Route und nähern uns dem Highlight unserer Tour: Der Nordwand der Petersenspitze.

Über die Nordwand auf die Petersenspitze
Vom Anstieg an der Nordwand gibt es leider keine Fotos, denn er hat unsere ganze Konzentration und Kondition gefordert. Konditionell war er wahrscheinlich mal wieder die größte Herausforderung für mich. Man sollte allerdings auch eine gewisse Schwindelfreiheit mitbringen. Als Einsteiger-Nordwand eignet sich diese Route sicher gut, wenn man die nötige Kondition mitbringt.
Oben angekommen, genießen wir erst einmal die gigantische Aussicht inklusive Blick auf die Wildspitze, wo sich gerade die Massen tummeln. Bei uns auf dem Gipfel ist niemand. In einigen hundert Metern Entfernung übt ein Pärchen, das über den Normalweg gekommen ist, Sicherungstechniken. Ansonsten haben wir den Berg hier für uns alleine.

Der Abstieg
Wie es immer so ist: Wenn man denkt: "Jetzt ist es geschafft!", beginnt der Abstieg. Und der hat es auch bei dieser Tour in sich. Zwar geht es die meiste Zeit bergab, doch der Weg über die Ferner zieht sich und unsere müden Beine ächzen unter dem Gewicht der schweren Rucksäcke mit Seil, Eisgeräten und allem drum und dran.
In der frühen Nachmittagssonne beginnt der Gletscher zu schmelzen und bald sind wir von kleinen Schmelzbächen umzingelt. Wir dürfen uns jetzt nicht zu viel Zeit lassen, denn je später es wird, umso größer werden die Gefahren durch Gletscherschmelze und Steinschlag.

Fazit
Die Besteigung der Petersenspitze vom Taschachhaus über die Nordwand ist eine ausgesprochen abwechslungsreiche und landschaftlich lohnenswerte Tour. Im Gegensatz zur technisch weniger anspruchsvollen Wildspitze, hat man diesen Gipfel oft (beinahe) für sich alleine. Ich würde empfehlen, sich vorab genau mit den aktuellen Verhältnissen auf der Tour auseinanderzusetzen, mit dem (sehr hilfsbereiten) Hüttenwirt zu sprechen.
Man sollte gute Kondition und Hochtouren-Kenntnisse mitbringen, die relativ kurz und nicht übermäßig Steile Wand eignet sich aber gut als Einsteiger-Flanke. Unbedingt frühzeitig losgehen, weil sonst Gefahr durch einstürzende Spaltenbrücken und Steinschlag droht!